Verdient das Hilfesystem noch den Namen Hilfesystem? Oder anders: Ich sitze im Restaurant und du fragst mich, warum ich Essen bestelle?
- Janina Jörgens
- 13. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Einer meiner Klienten, mittlerweile 18 Jahre alt, verzweifelt an unserem sogenannten Hilfesystem.
Er braucht Unterstützung. Darum suchte er Kontakt zum Sozialamt und erhoffte sich nicht mehr und nicht weniger als Hilfe.
Ja, sein Fall ist komplex.
Ja, neurotypische Menschen können sich nur schwer in neurodivergente Welten hineinversetzen.
Ja, offensichtlich muss wohl Geld gespart werden…
Aber es beschleicht einen der Verdacht, dass womöglich eigentlich gar nicht wirklich geholfen werden will.
Mein Klient wünscht sich nichts weniger, als an seinen Themen zu arbeiten, voranzukommen.
Also ersucht er um Hilfe, setzt sich Hilfeplangesprächen aus, welche ihn sehr unter Stress setzen und bereits Wochen und Monate im Voraus geplant werden müssen und von denen er sich im Nachgang mehrere Wochen erholen muss.
Nach vielem Hin und Her, mannigfaltigen Nachfragen zu Inhalten des zu erhebenden Hilfebedarfes entsteht ein Papier, in welchem sich wirklich niemand mehr zurechtfinden kann.
Dieses Papier macht Angst. Neben vielen fachlichen und inhaltlichen Fehlern, verlangt es Ziele, welche nicht nur nicht zielführend, sondern definitiv kontraproduktiv sind.
So steht unter anderem im Schlusstext, dass mein Klient sich bemühen müsse, „nicht stets so krankheitszentriert zu denken“.
Wir lassen jetzt mal außen vor, dass Autismus keine Krankheit ist…
Aber er wurde geladen, zu einem Hilfeplangespräch, dass seine Bedarfe ermitteln und passende Hilfen finden sollte… Diese Hilfen benötigt er aufgrund seiner Behinderung. Worüber also hätte er in dem Gespräch sprechen sollen, als über seine Behinderung, seine Barrieren, seine Einschränkungen? Und zum Schluss steht da: er solle sich bemühen, „nicht stets so krankheitszentriert zu denken“?
Mein Klient findet hier ein hervorragendes Beispiel:
„Das ist so, als wenn ich ganz schlimm Hunger hätte. Ich habe noch nie in meinem Leben eine volle Mahlzeit gehabt. Nun ist dort ein Restaurant, welches ich betrete, in der Hoffnung, hier etwas zu essen zu bekommen. Ich verlange nicht mein Lieblingsessen, ich habe keine großen Ansprüche, ich möchte einfach nur essen.
Der Restaurant Betreiber kommt und fragt erstaunt, warum ich denn hier nur über Essen reden würde, ich solle besser aufhören, immer nur ans Essen zu denken.
Der Restaurant Betreiber sitzt sein Leben lang vor vollen Tellern, an der Quelle. Er kann sich nicht vorstellen, wie es ist, Hunger zu leiden.
Er versteht nicht, dass ich vermutlich nicht mehr ans Essen denken würde, wenn ich nicht permanent hungrig wäre.
Er schaut mich verwirrt an und sagt:
Nun, insgesamt beschäftigen Sie sich viel zu sehr mit dem Thema Essen. Ich habe eine tolle Idee! Hier: ein Glas Wasser.“
Was lustig klingt, ist es nicht!
Es ist Alltag in Deutschland!
Menschen mit Behinderungen suchen Hilfe im so genannten Hilfesystem.
Haben Sie dieses erst mal betreten, so hat man das Gefühl, dass sie im System beschäftigt werden, ohne einer wirklich zielführenden Hilfe wirklich näher zu kommen.
Das macht Angst.
Das macht traurig.
Das macht müde.
Dieses hier ist nur eine einzige Geschichte aus meinem Alltag in Beratungen und Therapien.
Ich habe nicht Buch darüber geführt, dennoch habe ich das Gefühl, dass diese Zustände aktuell immer schlimmer werden.
Es ist gut, dass immer mehr Stimmen laut werden, dass immer mehr Menschen beginnen, sich zu wehren.
Ich danke euch, dass ihr meine Blogartikel und Podcasts verfolgt und auch verbreitet.
Teilt bitte gern auch diese Episode nach Kräften.
So können wir Menschen wie meinem Klienten hier eine Stimme verleihen. Eine Stimme, welche hoffentlich so viele Menschen wie möglich erreicht!
Erzählt uns gerne eure Geschichten!
Bleibt mutig!
Und bleibt neugierig




Das ist wirklich ein hervorragender Beitrag, der mich zum Nachdenken gebracht hat. Vielen Dank für die klare und verständliche Aufbereitung dieses wichtigen Themas. Ich muss ehrlich sagen, ich hätte nicht gedacht, dass das Hilfesystem noch so nützlich sein kann, wenn man es aus dieser Perspektive betrachtet. Was mir besonders gefällt, ist, dass Sie endlich mal jemand ausspricht, was viele von uns vielleicht schon länger gedacht haben. Sie haben Recht, das Hilfesystem ist keineswegs starr, sondern tatsächlich stark kontextabhängig. Diese Erkenntnis hat mir persönlich sehr geholfen, die Funktionsweise besser zu begreifen. Es ist nicht nur eine Frage des reinen Erhalts, sondern vielmehr der passenden Unterstützung zur richtigen Zeit. Das ist eine Nuance, die oft übersehen wird, aber entscheidend für die Effektivität…
Ein wirklich spannender Beitrag, der zum Nachdenken anregt! Du triffst den Nagel auf den Kopf, indem du die Frage stellst, ob das Hilfesystem seinem Namen noch gerecht wird. Ich habe mich das auch schon oft gefragt, besonders wenn ich sehe, wie komplex manche Prozesse sind. Deine Ausführungen sind wirklich spitze und klar und verständlich erklärt. Das hat mir sehr geholfen, die Zusammenhänge besser zu verstehen. Mich würde brennend interessieren, wie dieses Hilfesystem denn in der Praxis konkret funktioniert. Gibt es da vielleicht Beispiele, wo es wirklich gut greift und wo es vielleicht noch Hürden gibt? Ich speichere mir deinen Artikel auf jeden Fall für später, um noch einmal in Ruhe alles durchzulesen. Aber eine Idee hätte ich noch: Wäre es…
Ik ben blij met de gestructureerde aanpak van dit artikel. De rol van interactieve digitale diensten in het ontwikkelen van moderne entertainment wordt helder gepresenteerd. Op de website is er extra informatie over dit onderwerp te vinden. De gegeven voorbeelden versterken het algemene begrip.